Die geschlachtete Kuh
- leozgraggen
- 29. Juli 2024
- 3 Min. Lesezeit

Abendstimmungen in den Bergen sind immer ein besonderes Erlebnis. Die Abende in der warmen, gut beleuchteten Hütte sind gemütlich und komfortabel. Wie anders muss das wohl bei einer Älplerfamilie gewesen sein, als man sich früher in der Stube oder Küche zusammenscharte, sich bei magerem Licht die Abende verkürzte und Geschichten erzählte, bis die Kinder ihre Beine nicht mehr unter den Tisch zu strecken wagten.
Auf den Wanderungen begegnen wir immer wieder solchen Sagen. Eine hat mich besonders beeindruckt. Sie spielt auf der Alp Rämisgummen oberhalb Eggiwil aus dem Bernbiet in der Schweiz:
Die geschlachtete Kuh
Die Alpabfahrt im Herbst war schon einige Stunden unterwegs. Da bemerkte der Senn, dass ihm eine Kuh fehlte. Die Kuh hatte erst ein paar Tage davor ein Kalb geworfen. Der Senn vermutete, dass sie zurückgeblieben sei, um ihr Kalb zu suchen. Er schickte den Hirten zurück auf die Alp, um die Kuh zu suchen und sie ebenfalls ins Tal zu bringen.
Der Hirte ging zurück auf Rämisgummen. Er musste das Vieh stundenlang suchen und fand es erst am Abend spät. Er beschloss daher, die Kuh im Stall anzubinden, noch einmal in der Alphütte zu schlafen und erst am nächsten Morgen ins Tal abzusteigen.
Mitten in der Nacht weckte ihn ein unheimliches Getöse und Radau. Er schreckte hoch und schaute heimlich die Leiter hinab. Mit grossem Geschwätz und Geschrei drängte eine ganze Meute in die Hütte. Die Leute waren altmodisch gekleidet und taten, als wären sie hier zuhause. Irgendwie schauten sie nicht wie richtige Männer und Frauen aus. Einige hinkten und hatten einen Buckel, andere schienen an einem weiteren Gebrechen zu leiden. Allen fehlte jedoch an der rechten Hand der Zeig- und der Mittelfinger – eine schaurige Gesellschaft!
Dem Hirten sträubten sich die Haare und er versteckte sich noch tiefer im Dunkeln. Unten begannen sie inzwischen anzufeuern und Brot zu backen. Plötzlich rief einer: „Bringt mir die Kuh aus dem Stall!“. Einige der unheimlichen Gesellen holten sofort die Kuh, schlachteten und zerlegten sie fachgerecht. Die einen begannen, sie zu braten und zu sieden, während die anderen bereits den Tisch deckten.
Der Hirte oben versteckte sich tief unter seine Decke und hielt die Ohren zu. Der Schweiss floss ihm aus allen Poren und er zitterte vor Angst.
Unten war das Essen bereit und die unheimliche Gesellschaft begann, mit lautem Geschmatz mit dem grauslichen Schmaus.
Plötzlich rief einer mit heiserer Stimme: „Gebt dem da oben auch einen Bissen!“. Der Hirte verkroch sich noch tiefer unter der Decke. Sofort kletterte einer die Leiter hoch und bot dem Hirten ein saftiges Stück an. Der Hirte wehrte ab, da schrie der Mann: „Iss oder stirb!“, und so musste der Hirte wohl oder übel ein nussgrosses Stück abbeissen. Der saftige Bissen schmeckte so gut, wie er es noch nie erlebt hatte.
Unten waren sie inzwischen fertig mit dem Schmaus. Jetzt wurde die Haut der geschlachteten Kuh auf dem Boden ausgebreitet und sorgfältig alle Knochen hineingeworfen. Zum Schluss banden sie die Haut zu einem Bündel und einer rief „Rosina steh auf!“.
Jetzt fuhr dem Hirten endgültig der Schrecken in die Glieder. Er bekreuzigte sich und rief insbrünstig: „Behüte uns Gott!“. Mit einem Schlag wurde es totenstill und schwarze Nacht.
Der Hirte konnte die ganze Nacht lang kein Auge mehr zudrücken und er getraute sich erst aufzustehen, als die Sonne bereits hoch am Himmel stand. Mit Schrecken dachte er daran, was ihm wohl der Senn sagen würde, wenn er ohne Kuh ins Tal zurückkehrte.
Er stieg die Leiter herunter und sah sich um. Die Hütte präsentierte sich säuberlich aufgeräumt, genauso wie sie sie am Vortag verlassen hatten. Jetzt erst wagte er sich hinaus in den frischen Morgen und hörte die Kuh fröhlich im Stall muhen.
Da trat er hinein und begrüsste Rosina. Diese schien unversehrt zu sein. Er nahm sie deshalb an den Strick und machte sich mit ihr auf den Weg ins Tal.
Nach ein paar Schritten bemerkte er, dass sie auf einem Bein hinkte. Er schaute nach und sah, dass am Schenkel ein nussgrosses Stück Fleisch fehlte, genau so gross, wie dasjenige, welches er in der Nacht abgebissen hatte...
Lokale Sagen und Informationen zu den Touren verkürzen die Wanderung und können ein Wandererlebnis nachhaltig abrunden. Die letzten Tage besuchten wir die Greina, ebenfalls eine mystische Gegend. Hier geht’s zum Rückblick mit Video. Diese Tour wird nächste Woche in ähnlicher Form durchgeführt. Der Anmeldeschluss ist eigentlich vorbei, es hat jedoch genau noch einen Platz frei (zur Anmeldung).
Ich wünsche Dir einen schönen Wandersommer - die Bedingungen sind jetzt sehr gut!
Leo



